12/09/2016

freundin 18/2016 | Frauen reden nicht so gerne über ihre intimste Region. Deshalb gibt es viel Halbwissen und Unsicherheit. Die Frauenärztin Sheila de Liz engagiert sich für Aufklärung. Zusammen mit ihr haben wir wichtige Fakten zusammengestellt.

Vielleicht liegt es daran, dass es kein einziges schönes Wort gibt und uns deshalb insgesamt die Wörter fehlen, um über dieses wundervolle Organ zu sprechen – Vagina, das klingt einfach medizinisch, wenig liebevoll. Sicher liegt es aber auch an der Scham. In einer Welt, in der es kaum noch ein Tabu gibt, reden wir über gynäkologische Probleme häufig nicht mal mit der besten Freundin: „Viele Frauen in Deutschland wissen sehr wenig über ihre Vagina“, sagt die Wiesbadener Gynäkologin Sheila de Liz. Um das zu ändern, hat sie mit der Intimchirurgin Nicole David aus Fulda das Projekt „Vulvarine“ gegründet. Die beiden Ärztinnen gehen in die Öffentlichkeit, halten Vorträge, damit Frauen ihr Schweigen brechen und sich künftig stärker um ihre vaginale Gesundheit kümmern können. Sie kennen die wichtigsten Fragen der Frauen aus ihrer Praxis. Wir haben die Antworten zusammengefasst:

Stress wirkt auch auf die Vagina

Die Kinder haben Ärger in der Schule oder der Chef hat es auf Sie abgesehen. Es gibt diese anstrengenden Phasen im Leben, da sorgen wir uns um unsere Gesundheit. Um unser Herz zum Beispiel – aber nicht um die Vagina. Das sollten wir aber. So zeigt eine Studie der Uni Bamberg, dass Stress die Hauptursache für immer wiederkehrende Pilzinfektionen ist. „Stress löst im Unterleib einen Domino-Effekt aus“, erklärt Expertin de Liz. „Er treibt den Cortisolspiegel in die Höhe, wodurch die schützenden Milchsäure-Bakterien in der Vagina, die Pilze bekämpfen, zugrunde gehen.“ Damit die Scheide Erreger loswird, produziert sie dann mehr Ausfluss. Wer die Vagina bei Stress schützen will: Zweimal wöchentlich eine Milchsäure-Kapsel (z. B. „Gynophilus“) einführen bewahrt die gesunde Scheidenflora.

Ausfluss ist völlig normal

„Immer wieder klagen Patientinnen, dass sie Ausfluss haben“, sagt Sheila de Liz. „Dabei ist er nicht nur normal, sondern sogar außerordentlich wichtig.“ Jede Frau produziert am Tag rund einen Teelöffel voll des weiß bis leicht gelben Sekrets, das leicht säuerlich riecht und die Scheide innerlich reinigt. Zudem sorgt sein saurer pH-Wert dafür, dass Krankheitserreger unschädlich gemacht werden. Aber Vorsicht: Verändert sich seine Farbe oder der Geruch, sollten Sie zum Arzt gehen – dies deutet auf eine Infektion hin.

Nicht alles, was juckt, ist ein Pilz

Fast jede Frau macht laut Studien mindestens einmal im Leben Bekanntschaft mit einem Vaginalpilz. Deshalb denken viele bei Juckreiz direkt daran. „Das ist prinzipiell auch nicht falsch, es gibt aber noch viele weitere Ursachen dafür“, sagt Sheila de Liz. Mal juckt die Haut nur, weil Haare nachwachsen, mal weil die Scheide trocken ist oder weil sich Bakterien ausgebreitet haben. Manchmal macht sich so aber auch eine sexuell übertragbare Krankheit, wie Herpes oder Chlamydien, bemerkbar. Wenn der Juckreiz immer wieder schubweise auftaucht, könnte auch die Autoimmunerkrankung „Lichen Sclerosus“ dahinterstecken, bei welcher der Körper die eigene Haut angreift. Leider wird sie oft verkannt: „Sprechen Sie deshalb Ihren Gynäkologen darauf an, wenn Sie immer wieder unter Juckreiz leiden“, rät die Ärztin.

Rasieren ist nicht gesünder

Es mag reiner aussehen – gesünder ist es nicht. Etwa jede dritte Frau ist mittlerweile komplett rasiert. „Beim Rasieren entstehen immer Mikroverletzungen, in die Keime eindringen und die Haut entzünden können“, sagt Sheila de Liz. Um das zu verhindern, sollte man den Bereich nach der Rasur mit einem milden antiseptischen Mittel für den Intimbereich (z. B. „Octenisept“) desinfizieren. Gesünder sei es, so die Expertin, die Haare mit Wachs oder Zuckerpaste zu entfernen. Ganz unnütz sind Schamhaare übrigens nicht: Sie nehmen den Duft der Sexualpheromone auf. Lockstoffe, mit denen wir unbewusst Lust auf Sex signalisieren.

Keine gleicht der anderen

Sehe ich unten eigentlich normal aus? Seit sich die Frauen mehr rasieren, seien sie zunehmend um das Aussehen ihrer Vulva besorgt, so die Gynäkologin. Deshalb betont sie, sei es völlig normal, wenn etwa die inneren Schamlippen durch die äußeren hervortreten. Oder wenn eine Lippe länger oder breiter als die andere ist. „Die wenigsten Frauen haben eine symmetrische Vulva“, erklärt Sheila de Liz. Nur in seltenen Fällen sind die Venus-Lippen so groß, dass Frauen etwa Schmerzen beim Radfahren haben: „Anstatt still zu leiden, sollten sie sich ihrem Gynäkologen anvertrauen. Er kann einen Intimchirurgen empfehlen, der das Problem operativ lösen kann“, rät die Ärztin. In solchen Fällen erstatten die Kassen dann die Kosten.

Zu viel Waschen schadet nur

Man muss – oder sollte vielmehr – auf keinen Fall zu viel tun: „Einmal am Tag waschen reicht völlig“, sagt de Liz. Intimsprays oder gar -spülungen sind sogar kontraproduktiv. „Es besteht die Gefahr, dass der pH-Wert in der Scheide steigt und Krankheitserreger ein leichtes Spiel haben.“ Wer empfindlich ist und häufig Infektionen hat, sollte sich nur mit Babyseifen, einem Intimduschgel (z. B. „Nivea intimo“) oder nur mit purem Wasser waschen. Anschließend, gerade jetzt im Sommer, jede Hautfalte gut abtrocknen – sonst wachsen schnell Pilze.

Training für mehr Lust

Eine starke Vagina intensiviert den Sex und die Orgasmen. „Der Schlüssel dazu ist ein gut trainierter Beckenboden, der die Scheide umgibt“, sagt de Liz. Besonders gut zum Training eignen sich bunte, tamponähnliche Gewichte (z. B. „Elanee“, aus der Drogerie, um 40 Euro), die man mit dem Muskel halten muss. Zweimal am Tag 20 Minuten tragen ist ideal.

Trockene Phasen kommen vor

Angefangen von Hormonumstellungen, etwa in der Schwangerschaft oder der Stillzeit, über die falsche Pille bis hin zu Krankheiten, wie etwa Bluthochdruck oder Diabetes: Es kann viele Gründe geben, warum die Vagina zu trocken ist. „Gerade Krankheiten, welche die Gefäße verengen, wirken sich negativ aus. Denn die Feuchtigkeit entsteht nur bei guter Durchblutung“, erklärt unsere Expertin. Wichtig in trockenen Phasen: Pflegen Sie die Intimregion täglich mit einer befeuchtenden Fettcreme (z. B. „Vagisan Feucht-Creme“). Nach der Menopause machen zudem drei von fünf Frauen Bekanntschaft mit der „vulvavaginalen Atrophie“. Davon spricht man, wenn infolge des Hormondefizits die vaginale Schleimhaut dünner, schmerzempfindlicher und trockener wird, wodurch die Scheide schrumpfen kann. „Über dieses Thema redet fast niemand, obwohl viele Frauen wirklich sehr darunter leiden“, sagt Gynäkologin Sheila de Liz. Vorbeugen kann man dem, indem man ab der Menopause zweimal wöchentlich Milchsäure-Zäpfchen (z. B. „Vagisan Milchsäure“) einführt und den Scheideneingang mit einer verschreibungspflichtigen, östrogenhaltigen Creme (z. B. „Linoladiol“) pflegt. Seit Neuestem kann man die Beschwerden sogar – oft vollständig – rückgängig machen: „Der ‚Mona-Lisa Touch‘-Laser erneuert in drei ambulanten und nahezu schmerzfreien Sitzungen die Scheidenschleimhaut, indem er den lokalen Stoffwechsel und die Kollagenproduktion anregt (Kosten: 900 bis 1200 Euro). Die Atrophie ist dann kein Thema mehr“, sagt Expertin de Liz. Dann macht Sex wieder Spaß.

Schmerzen beim Sex sollten nicht sein

Bei jeder zehnten Frau ist Sex schmerzhaft, hat der Berufsverband der Frauenärzte herausgefunden. Die meisten Frauen leiden schweigend und vertrauen sich ihrem Gynäkologen erst an, wenn die Partnerschaft bereits darunter leidet. Die Schmerzen können viele verschiedene Ursachen haben: nicht nur mangelnde Feuchtigkeit, sondern auch die falsche Pille, Pilze oder bakterielle Infektionen (z. B. mit Chlamydien). Je nach Diagnose kann der Gynäkologe dann Hormonpräparate, ein Fungizid oder Antibiotika verordnen. Manchmal gibt es für die Schmerzen aber auch überhaupt keine körperliche, sondern eine seelische Ursache: „Bei der ,Dyspareunie‘, die sogar recht häufig vorkommt, sagt der Körper ‚Nein‘ zu Sex“, erklärt Sheila de Liz. Hier rät die Frauenärztin, den Grund mithilfe einer Psychotherapie herauszufinden – damit Sex wieder so schön wird, wie er immer war.

Was macht die Vagina beim Sex?

Kleine Ursache, große Wirkung: Ein männlicher Duft oder eine sinnliche Berührung reichen oft schon aus für eine körperliche Reaktion. Das Blut rauscht bei uns Frauen Richtung Vagina. Dort sorgt es dafür, dass die Feuchtigkeit über die Schleimhaut in die Scheide diffundiert. Dann richtet sich die Gebärmutter auf, die Vagina wird bis zu doppelt so lang und elastischer. Schließlich schwellen Schamlippen und Klitoris an, um die Lust der Frau weiter zu steigern. Beim Orgasmus ziehen sich dann Vagina und Gebärmutter zusammen, mit dem Ziel, das Ejakulat aufzunehmen. Verletzungen kommen selten vor: Bei heftigem Geschlechtsverkehr und Trockenheit, kann es zu kleinen Rissen und Schürfwunden an Scheide und Schamlippen kommen, die meist in wenigen Tagen von selbst abheilen.

Die Klitoris: nur scheinbar klein

Die Klitoris ist äußerlich nur erbsengroß, innerlich verfügt sie aber über zwei bis zu neun Zentimeter lange Schwellkörper neben der Vagina. Kein menschliches Organ besteht aus so vielen Nervenfasern wie die Klitoris, in ihrer Eichel treffen 8000 Nervenendungen zusammen. Wie eine neue Studie nun bewies, spannen diese Nerven ein weites Geflecht bis zu den Brustwarzen.

Wie verändert eine Geburt die Vagina?

Es ist kaum vorzustellen, was die Scheide bei einer Geburt leistet: Sie vergrößert sich um das Zehnfache, zieht sich danach sofort wieder zusammen. „Je fester das Bindegewebe und der Beckenboden vor der Entbindung sind, desto schneller geht das. Nach wenigen Monaten ist mit regelmäßigem Beckenbodentraining alles wieder beim Alten“, erklärt Frauenärztin Sheila de Liz. Diese Rückbildungsgymnastik ist übrigens auch für diejenigen wichtig, die per Kaiserschnitt entbunden haben: Alleine das Gewicht des Babys im Bauch schwächt den Beckenboden, der die Vagina in Form hält.

 

Frauenärztin Sheila de Liz

Die 47-Jährige hilft seit zehn Jahren Frauen in ihrer eigenen gynäkologischen Praxis in Wiesbaden. Sie engagiert sich für mehr Aufklärung (vulvarine.de).